„Alles ist möglich“ – Tarif und Wirklichkeit

Workshop_Tarif12 Sender, 30 Freie im Workshop, hunderte Daten in knapp zwei Stunden – unübersichtlicher als die Faktenlage bei den real existierenden Honoraren und sozialen Schutzrechten für Freie geht es kaum. Vorläufiges Ergebnis: more research is needed.

Wie viel verdient man in eurem Sender für einen ganz normalen Tag im Redaktionsdienst? „300 Euro beim Deutschlandradio“, „274 beim SWR“, „170-180 beim MDR“. Beim RBB macht jede Redaktion ihr eigenes Ding, einen Tarifvertrag gibt es nicht. Und beim NDR gibt es offiziell nicht mal Tagessätze für Redaktionsdienste, was nicht bedeutet, dass  keine gezahlt würden. Einen Tag arbeiten zum Preis von fünf Nachrichtenminuten macht knapp 250 Euro. Und wer im Fernsehen Stücke für Tagesschau und Tagesthemen macht, bekommt stolze 440 pro Tag. Alles ist möglich.

Größer sind die Ähnlichkeiten bei den sozialen Schutzrechten für Arbeitnehmerähnliche. Bezahlten Urlaub gibt es überall – im Prinzip sechs Wochen im Jahr wie bei den Festen, die Höhe richtet sich indivuduell nach den Vorjahresbezügen. Bei der Fortzahlung im Krankheitsfall geht die Schere auseinander. „100 Prozent ab dem 1. Krankheitstag“ – „67 Prozent ab dem 4. Tag“ – „Krankengeld-Aufstockung bis zu 6 Monaten“, aber nur für Kolleginnen und Kollegen, die mindestens 15 Jahre ununterbrochen dabei sind. Der BR zahlt pro Kind und Monat 117 Euro Familienzuschlag, die Deutsche Welle pro Jahr bis zu 1000 Euro „Betreuungszuschuss“.

Planungssicherheit und Bestandsschutz? Es gibt zweite und dritte Kreise, Bestandsschutztarifverträge für Nicht-Programmgestaltende, Sonderregelungen für langjährige bzw. ältere Freie, bis hin zur de-facto-Unkündbarkeit – aber nur für begrenzte Gruppen. Für das Gros gilt: Bis zu 20 Prozent darf das Einkommen meisten sinken (beim rbb 25 Prozent), sonst sind Ausgleichszahlungen fällig. Die Berechnungsmethoden dafür sind verschieden, bei einer Gemeinsamkeit: „Die Regelungen sind da, sie schützen aber nicht“ – die Mechanik aus den 80er Jahren geht an der Wirklichkeit der Jetztzeit vorbei.

Ersatzhonorare bei Fortbildungen? Beim SR ohne wenn und aber zum üblichen Tagessatz, beim Deutschlandradio und rbb zum ermäßigten Satz und nur bei besonderem Interesse des Senders, beim NDR gar nicht.
Welcher Sender behandelt seine Freien am besten? Was ist wichtiger – ein hohes Honorarniveau, lange Ankündigungsfristen oder durchsetzbare Regeln? Uns war klar, dass wir Äpfel mit Birnen vergleichen würden, jetzt stehen wir vor der Vermessung eines ganzen Obstkorbs. Gerade bei der Beurteilung von Werkhonoraren fehlen uns Daten – denn Sendelängen sagen nichts über den Aufwand, den die Urheber betreiben müssen. Wir wollen die Datensammlung  systematisch betreiben, etwa durch eine Datenbank auf der künftigen Internetpräsenz der ARD-und-ZDF-Freien. Denn ohne Transparenz keine Gerechtigkeit. Und möglich ist jedenfalls alles. (cr)